Kristina Volke
Interview mit Moritz:
Luther, Friedrich der Große und Peter im Tierpark.
Erinnerst Du Dich, wann Schadow Dir zum ersten Mal begegnete?
Man könnte sagen, es war ein Skandal…
Ja, er war ein freier, autonomer Geist. Er kam aus armen Verhältnissen und wusste trotzdem genau, was er wollte. Sein Vater war Schuster, man hätte also erwarten können, dass er ganz still und leise akzeptiert, was in diesen Zeiten üblich war. Er hätte zum Beispiel die Tochter des vorhergehenden Hofbildhauers heiraten können. Dass er aber eine Jüdin heiratete, mit ihr durchbrannte, dann auch noch zum Katholizismus übertrat, war mutig – und hat ihm trotzdem nicht geschadet. Auch das Verhältnis zu den Studenten, zu seinen Kindern und seinem Schwiegersohn scheint wirklich sehr geerdet, humanistisch-menschlich gewesen zu sein.
Das hört sich an, als sei Schadow Dir sympathisch und ein Zeitgenosse, den Du gern kennengelernt hättest…
Ich kannte Schadow schon vor der Einladung zu diesem Ausstellungprojekt, wenn auch nicht so genau. Aber er war Teil Preußens – und mit preußischer Geschichte hatte ich mich für die Ausstellung in Neuhardenberg schon 2009 intensiv befasst. Die Quadriga zum Bespiel war deshalb schon in mehreren meiner Bilder aufgetaucht.
Nach Neuhardenberg folgten viele Projekte, in denen Preußen eine Rolle spielte, ich denke an Deinen Zyklus zu Friedrich dem Großen oder Lady Hamilton…
Ja, Friedrich der Große, Alexander von Humboldt, die preußischen Könige von Wilhelm I. bis zu Wilhelm IV. kamen in meinen Ausstellungen schon immer vor. Darum haben wir hier im Schadow-Haus auch ein Bild, in dem die Prinzessinnen Luise und Friederike die Büste Wilhelm II., die übrigens von Schadow stammte, bekränzen. Es kommt aus dem Neuhardenberger Projekt. Insofern haben sich mit der Schadow-Ausstellung Kreise geschlossen, in denen ich schon lange unterwegs war.
Aber es war mehr als das, gerade durch die Fokussierung auf das Brandenburger Tor. Die Möglichkeit, nun eins der preußischen Epizentren, das Brandenburger Tor in den Blick zu nehmen, war für mich sehr reizvoll. Ich kann mich noch erinnern, wie ich als Kind vor dem Pariser Platz am Schlagbaum stand und zur Mauer schaute – wissend, dass es hier nicht weiter geht. Aus der Provinz kommend, war die Mauer für mich total faszinierend. Sie hatte in meinen Augen einen unglaublichen Sog, fast wie ein Verkehrsunfall, von dem man den Blick trotz allen Grauens nicht abwenden kann. Vor allem aber hatte die verborgene Welt dahinter damals geradezu märchenhafte Dimensionen, die ich jedes Mal spürte, wenn ich hier stand.
Zu welchen Gelegenheiten standest Du denn vor dem Brandenburger Tor?
Mein Vater war mit dem Schriftsteller Kurt Bartsch eng befreundet, deshalb gab es die Tradition, einen Weihnachtsfeiertag bei seiner Familie in Berlin zu feiern. Bartsch hatte seine Kindheit in der Kriegszeit in Berlin-Mitte verbracht. Er hatte die Auswirkungen des Kriegs und dessen Ende unmittelbar miterlebt. Er war über Leichenberge geklettert um Verwandte zu suchen und saß auch in Bunkern in der Reinhardtstraße. Er hatte von Straßenkämpfen erzählt, in denen um jedes einzelne Haus gekämpft worden war—was man ja selbst heute noch an einigen Stellen sehen kann. Insofern hat diese historische Berliner Mitte für mich schon immer etwas ganz besonderes, ganz abgesehen davon, dass ich nicht weit von hier entfernt in der Chausseestraße meine zweite Ausstellung hatte: 1987 im Brechthaus in der Galerie im Schaufenster. Sie war für mich in gewisser Weise ein Durchbruch, von Peter Lang organisiert, mit dem ersten Auftritt des Dichters Mathias Baader Holst außerhalb von Halle, haben wir große Aufmerksamkeit bekommen. Durch den Erfolg habe ich hier zum ersten Mal Arbeiten verkauft – und mir von dem Geld, das ich damit verdient hatte, unmittelbar danach in einem kleinen Laden unter der S-Bahn-Brücke Friedrichstraße Briefmarkenbögen aus der Inflationszeit gekauft, einhundert Marken zu je 500 Milliarden Reichsmark. Ich hab schon immer Dinge gemocht, von denen es viel gab… Aber zurück zu Schadow und dem Brandenburger Tor. Ich begann zunächst mit einem wunderbaren Buch von Ulrike Krenzlin und erhielt dann die Möglichkeit, den Sammlungsbestand an Zeichnungen im Märkischen Museum einzusehen. Die Originale waren für mich wirklich wichtig, denn man erkennt in ihnen die Souveränität Schadows. Nicht nur im Zeichnerischen, sondern auch im Persönlichen. Das hat mich am meisten beeindruckt: Dass Schadow in vielerlei Hinsicht frech war, sieht man an seinen Karikaturen. Aber auch im Privaten, denn dass er eine jüdische Frau geheiratet hat, mit der er nach Rom durchgebrannt ist, war damals keineswegs üblich.
Ja, er ging mir irgendwie sehr nah und ich kam ihm nahe. Während ich an seinem Werk arbeitete, ist mir dann noch aufgegangen, dass Schadow mein Jahrgang ist, nur mit einem Zeitsprung von zwei Jahrhunderten und zwei Monaten. Und er hat am Halleschen Tor gewohnt. Ich komme ja aus Halle – und das Hallesche Tor ist ja das Berliner Stadttor, das nach Halle führte. Darüber hinaus war er wohl ein sehr gut organisierter Mensch, der Managementfähigkeiten besaß und es verstand, mit vielen Menschen umzugehen,
verschiedene Dinge zeitgleich zu organisieren und der offensichtlich sehr praktisch veranlagt war. Er hatte weder Dünkel noch Angst, sich die Hände schmutzig zu machen. Und das ist bei mir ähnlich.
Was sind für Dich die zentralen Werke Schadows?
Aus meiner Sicht die Prinzessinnengruppe, das Standbildnis von Luise und Friederike. Es ist von überaus großer Anmut und sticht im Gesamtwerk klar heraus. Auch wenn Wilhelm III. sie wegschloss, weil er die Darstellung der beiden jungen Frauen anrüchig fand, ist es ein seriöses und zugleich intimes Abbild von großer Vollkommenheit.
Die Prinzessinnen sind auch schon 2009 für die Neuhardenberger Ausstellung entstanden und waren dort in verschiedenen Farbfassungen auf den Wiesen des Parks aufgestellt…
Stimmt. Die Ausstellung handelte von der Selbstkrönung Friedrich Wilhelms auf dem Königsberg bis zum Ende Preußens – das für mich durch die Selbstzerstörung der kaiserlichen Kriegsmarine in Scapa Flow am 21. Juni 1919 symbolisiert wird. Ich arbeitete in der Ausstellung also mit allen möglichen Ereignissen und Begebenheiten, auch mit wichtigen Personen Preußens. Im Zuge der Ausstellung habe ich auch die erste Originalhandschrift Luises, einen Brief an ihren Schwiegervater Wilhelm II., gekauft, den ich als eine Art Reliquienschrein inszenierte – ähnlich dem Schrein hier, der einen Brief Schadows an seinen Schwiegersohn enthält. Im Außenbereich hatte ich neben der monumentalen Inszenierung von Scapa Flow im Schlosspark die Prinzessinnensilhouetten über eine große Fläche im Park verteilt.
Wobei mit der Vergrößerung und Vergröberung der Form auch automatisch das Intime der Figur verloren geht…
Naja, das ist so, wenn man direkt daneben steht. Aber von Weitem wirkten sie genauso anmutig wie im Original, denn sie standen im weitläufigen Neuhardenberger Schlosspark, dessen Wiesen zu dieser Zeit nicht gemäht wurden. In die Landschaft hat das perfekt gepasst, obwohl meine Prinzessinnen fünf Meter hoch sind. Nur wenn ein Fahrradfahrer vorbei kam, merkte man wie groß sie eigentlich sind und ist gelegentlich erschrocken.
Woher kommt eigentlich Deine Faszination an Preußen? Du bist doch gar kein Preuße?
Das ist eine Frage der Interpretation… Nicht im heutigen Sinne, aber im damaligen bin ich sehr wohl Preuße. Halle war die größte Universitätsstadt Preußens bis zur Gründung der Berliner Universität, die nur unter maßgeblicher Hilfe Hallescher Professoren gegründet werden konnte. Und Halle war mit den Franckeschen Stiftungen die Kaderschmiede Preußens. Vorher gehörte Halle zum Erzstift Magdeburg, 1680 aber fiel es an Preußen.
Woher kommt eigentlich Deine Faszination an Preußen? Du bist doch gar kein Preuße?
Ich bin preußisch-sächsischer Mischling. Mir ist das Sächsische sehr viel sympathischer, aber ich merke, dass das Preußische in mir stärker ist – was vielleicht an meiner Mutter liegt, die aus Hinterpommern kommt. Zudem fasziniert mich an Preußen, dass es in Europa keine vergleichbare Dynastiengeschichte gibt. Man muss sich mal vorstellen: Die Hohenzollern kamen als zunächst völlig unbedeutende Adelsfamilie nach Brandenburg, nahmen sich Land und wurden von einer absolut unbedeutenden Regionalmacht, die von den damaligen Großmächten nicht für voll genommen wurde, im Laufe kurzer Zeit zu einer Weltmacht. Man kann an der Geschichte Preußens exemplarisch sehen, was auch heute noch gilt: Um das Gefühl der Demütigung – und die haben die Hohenzollern damals zweifellos gespürt, wenn fremde Heere einfach durch ihr Reich zogen – loszuwerden, hat Wilhelm I. einen Staat und eine Armee geschaffen, die schlagkräftig war und sich selbst zu verteidigen wusste. Sein Sohn Friedrich hat das Ganze ganz schnell umgedreht und mit der preußischen Armee Eroberungszüge begonnen. So wurde aus Preußen innerhalb kürzester Zeit ein europäischer Player, zudem eine Wirtschaftsmacht mit großem Einfluss.
Auch an sächsischer Geschichte hast Du Dich abgearbeitet – richtiger muss es heißen an mitteldeutscher. Als Hallenser Künstler bist zu in einer der reichsten Kulturlandschaften Deutschlands aufgewachsen. Du hast Dich vor ein paar Jahren – und übrigens lang vor dem offiziellen Gedenkjahr – speziell mit Luther beschäftigt, der für Dich so etwas wie der Anfang unserer modernen Zeitrechnung darzustellen scheint. Wie kam es zum Tintenfasswurf auf der Wartburg?
Am Abend der Eröffnung der Neuhardenberger Ausstellung saß ich mit dem Kunstkritiker Bazon Brock und dem Künstler Moritz Rinke beim Essen. Normalerweise begeistert sich Bazon Brock wohl eher für andere Kunst als meine, aber wir hatten ein nettes Gespräch, in dem wir auf den mitteldeutschen Kulturraum zu sprechen kamen. Brock sieht das ganz ähnlich wie ich, auch er hält Mitteldeutschland für den wichtigsten und zugleich am wenigsten beachteten geschichtlichen Raum in Deutschland. So haben wir beschlossen, gemeinsam etwas zu machen und nahmen uns vor, gemeinsam auf die Wartburg in Eisenach zu fahren.
Um nachzustellen, wie Luther beim Übersetzen der Bibel 1521 in seiner Studierstube auf der Wartburg mit dem Tintenfass nach dem Teufel warf …
Der Burghauptmann war anfangs nicht sonderlich begeistert und meinte, er könne sich nicht vorstellen, wie wir in der Luther-Stube mit Tinte herumwerfen, aber er lud uns ein vorbeizukommen. Wir trafen uns im Turmzimmer, in dem zu jener Zeit zwei Gemälde Anton von Werners hingen – mit dem ich mich kurz vorher befasst hatte… Am Ende des Gesprächs war er einverstanden – und ich perplex.
Als Bazon Brock und ich dann mit Ausrüstung anreisten, blieb mein schöner alter S-Klasse-Mercedes in der Toreinfahrt zur Wartburg stecken, weil der Felsen nach dem Tor so eng stand. Als wir endlich da waren, wurde der Cranach umgehangen, wurden die Möbel herausgetragen, die Wände mit Plastikfolie verkleidet … und wir haben an die Stelle, an der der imaginäre Tintenfleck gewesen sein soll, unsere Tintenflecke gemacht. Das hat wirklich eine Menge ausgelöst – ich hatte noch nie eine so lange Pressekonferenz. Es ist verrückt, was die Wartburg an öffentlichem Interesse auslöst und wie verklärend solch ein Mythenraum ist. Denn den Tintenfleck gab es im Original ja nie. Es war immer eine Metapher: Der Teufel steht für den Papst, nach dem Luther mit der Tinte warf – weil er hier auf der Wartburg ja die Bibel ins Deutsche übersetzte.
Ihr habt die Metapher also in ein echtes Bild verwandelt, in das, was man zu sehen erwartet hätte, wenn die Geschichte denn wirklich war gewesen wäre…
Absurderweise hatte es den Tintenfleck im Laufe der Jahrhunderte schon einmal gegeben. Und war schon vor über einhundert Jahren wieder beseitigt worden. Dann fand sich dort lange Zeit nur noch die Stelle, an der der Putz abbröckelt, weil der falsche Fleck dort beseitigt worden ist. Aber wenn man dann Menschen spricht, die auf der Wartburg waren, haben alle den Tintenfleck gesehen. Irgendwann war sogar eine Frau zu uns gekommen um zu erzählen, dass ihr Vater in den zwanziger Jahren im Stadtrat gewesen war, und dieser einmal im Jahr zur Wartburg gepilgert sei, um den Fleck zu erneuern.
Um den Tintenfleck wabert also eine mythologische Legendenbildung – das ist sehr beeindruckend zu beobachten. Aber schließlich ist in diesem Raum, in der Studierstube Luthers, die deutsche Sprache etabliert worden. Es ist also der Geburtsraum Deutschlands als Nation. Im Prinzip war Luther der Auslöser der Moderne, wie sie 500 Jahre lang existierte, gekennzeichnet durch eine eigene Art der Kommunikation und Vervielfältigung: dem Buchdruck und durch das Bürgertum als Träger des Kapitalismus. Unser Bewusstsein einer eigenen deutschen Kultur zurück reicht bis Luther. Bis zu ihm sind wir vernetzt, die Zeit davor wird viel kleinteiliger erinnert, nicht aber im Sinne einer deutschen Kultur. Luther war also ein Neustart, wie er zu dieser Zeit in ganz Europa stattfand. Diese Zeit neigt sich nun dem Ende zu. In nicht weniger als einhundert Jahren werden Menschen auf unsere Zeit zurückschauen und feststellen, dass mit uns eine Ära, die Ära Luthers nämlich zuende ging.
Woher kommt eigentlich Deine Begeisterung für Geschichte, zumal in Verbindung mit Kunst?
Schon als Kind hatte ich den Wunsch, Museumdirektor zu werden, Direktor eines Geschichtsmuseums. Das hat sich aber geändert, weil ich schnell merken musste, dass ein Geschichtsstudium in der DDR nicht in Frage kam, denn es war letztlich reine Ideologie. Zudem war ich im Abitur viel zu schlecht, ein Studium kam also nicht in Frage. Im Prinzip war ich völlig unbefangen, nur geprägt von meinen Eltern, die beide Künstler sind. Sie gingen mit mir viel in Ausstellungen, in denen ich mich an alter Malerei begeisterte. Die zeitgenössische Art der Historienmalerei, wie sie durch Bernhard Heisig, Arno Rink oder Otto Möhwald geschaffen wurde, hat mich anfangs irritiert. Ich konnte ihre Malerei nicht verstehen, sie kam mir im Vergleich zur Pop-Art Malerei meines Vaters, die mich zu Hause umgeben und geprägt hat, so anders vor.
Da ich also nicht studieren konnte, habe mit einer Möbeltischlerlehre begonnen und mich zeitgleich für das Drucken begeistert. Um das Handwerk zu lernen, brauchte ich Druckvorlagen. Also habe ich selbst mit Radierungen und Linolschnitten begonnen. Da ich damals eine Punkband hatte, für die ich Plakate in Linolschnitt druckte, war das doch sehr mühsam. Über meine Mutter lernte ich den Dresdner Drucker Eckland Götze kennen. Er hatte für die Dresdner Künstler um A.R. Penck gedruckt, bei ihm konnte ich mich ausprobieren und stellte fest, dass Siebdruck für mich viel geeigneter war.
Zwischen Deinen Anfängen und heute liegen übervolle Arbeitsjahre, in denen mal frei, mal im Auftrag immer neue Werke zu verschiedensten historischen Ereignissen und Personen standen. Die dabei immer spürbare Heiterkeit und Fabulierlust war auch für den Kunstbeirat des Deutschen Bundestages der Anlass, Dich mit vier Tableaus zur Geschichte des Parlaments zu beauftragen. Sie sind ähnlich den Emaille-Bilderbögen, wie Du sie zuvor für preußische Könige, für Philosophen, Künstler und Poeten umgesetzt hattest. Aber Hand aufs Herz: Wieviel hast Du gespielt und fabuliert, als es um die Konzipierung der vier Arbeiten ging?
Für die Tableaus habe ich zunächst viel gelesen. Für die meisten hatte ich schnell genug Motive, oft sogar zu viele Ereignisse und Personen zur Hand. Für die Zeit der Industrialisierung musste ich nach Symbolen suchen, denn hier standen mir besonders wenige Bilder vor Augen. Es ging ja darum, mit zehn bis fünfzehn Motiven einen großen geschichtlichen Zeitabschnitt abzudecken. Wenn man die Motive dann beisammen hat, ist es wie bei einem Schüttelbild: Die Einzelmotive müssen zusammengebracht werden und ein großes Ganzes ergeben, eine Erzählung ermöglichen. Schwierig wird es, wenn man paritätisch arbeiten und zumindest ab und zu Frauen zeigen will, aber das war in diesem politischen Kontext mein selbst gewählter Anspruch. Davon abgesehen war die Arbeit an den Tableaus der an anderen Themen sehr ähnlich. Dass die vier Bilderbögen mit ihren starken Farben nun im Jakob-Kaiser-Haus hängen, freut mich allerdings besonders.
Gibt es Themen, die Du in nächster Zeit gern künstlerisch bearbeiten würdest – und andere, die für Dich völlig ausgeschlossen sind?
Alle Themen, die im 18. Und 19. Jahrhundert angesiedelt sind, sind für mich exorbitant reizvoll, weil ich, je länger ich mich mit dieser Zeit auseinandersetze, desto mehr Zusammenhänge erkenne. Plötzlich sieht man, wie sich die Dinge und Personen gegenseitig beeinflussen, wie eines mit dem anderen zusammenhängt.
Im Moment denke ich viel über die Antike und ihre Rezeption nach. Womit ich mich überhaupt nicht beschäftigen will, ist die Zeit des Nationalsozialismus. Auch über die weiß ich viel und fühle mich ähnlich dem 19. Jahrhundert sattelfest, aber ich denke, dass meine Art der Kunst sich mit dieser Zeit ausschließt, ich könnte dem nicht gerecht werden.
Und die DDR?
Ich hatte im Jahr 2002 eine Ausstellung im Kunstverein Friedrichshafen, die hieß „Deutscher Pop“. Da habe ich Ikonen der deutschen Malerei zum ersten Mal in meine Sprache übersetzt, von wilhelminischen Gemälden bis zu Willi Sitte. Diese Ausstellung wiederum war der Auslöser für meine Ausstellung „Bildersaal deutscher Geschichte“ 2004 im Kloster Unser Lieben Frauen in Magdeburg. Der Titel entstammte einem Buch, das mich als Kind sehr geprägt hat. Ich habe damals viel Zeit in Dresden bei einer Kommilitonin meines Vaters verbracht, sie wohnte in Loschwitz im Veilchenweg, genau über dem Grundstück der damals noch zerstörten Loschwitzkirche. Jene Kommilitonin hatte im Hausflur ein Gemälde mit einem Loch mitten auf der Leinwand, ein Kinderporträt, das durch einen Bombensplitter, der durch das Fenster geflogen sein muss, beschädigt wurde und in der Holzrückwand stecken geblieben war. Auf ihrem Dachboden lagen viele Bücher, dort fand ich auch den „Bildersaal deutscher Geschichte“. Das war ein Buch, in dem sich das Deutsche Reich selbst erfand, denn bis 1871 hatte es ja keine nationale Erzählung gegeben. In diesem Buch also hatten sich die Verfasser eine durchgehende Geschichtskonstruktion von der Urzeit in die Neuzeit ausgedacht und dafür Gemälde reproduziert. Ich war etwa zehn Jahre, als ich dieses Buch, eingepackt in Kofferstricke, mit nachhause nehmen durfte. Es wurde die Grundlage für die Ausstellung im Magdeburger Kunstmuseum, die wiederum Paul Kaiser dazu veranlasste, mich danach zu fragen, ob ich mich nicht mit DDR-Kunst auseinandersetzen wolle. Da habe ich mich also zum ersten Mal mit Ikonen der DDR-Malerei befasst und festgestellt, dass es sich zum Beispiel bei Willi Sittes „Arbeiter am Schaltpult“ gar nicht um Malerei, sondern um ideologische Funktionskunst ohne Tiefe, um Propagandaplakat im Duktus der Malerei handelt. Das war für mich eine gute Möglichkeit der Annäherung an Geschichte...
… die in diesem Fall ja auch Deine eigene Geschichte, Deine Kindheit und Jugend war…
Ja, deshalb habe ich auch Harald Hakenbecks „Peter im Tierpark“ ausgewählt, ein Werk, auf das ich sehr oft angesprochen werde. Viele Menschen, die meinen Siebdruck „Peter im Tierpark“ sehen, erinnern sich an das Original. Es ist so tief in die Erinnerungs-DNA der DDR-Bevölkerung eingebrannt, dass fast jeder, der vor 1980 geboren wurde, es zu kennen scheint. Zugleich wirkt es durch die heile Welt, die hier vorgekaukelt wird, bis heute ideologieverklärend. Gerade durch den Jungen, der im Mittelpunkt des Bildes steht, werden die damaligen Zeiten verharmlost. Ich glaube nicht, dass Hakenbeck es so beabsichtigt hatte, denn er hatte tatsächlich nur seinen Sohn gemalt, aber es ist eine Ikone für die heile Welt im Sozialismus.
Wie seltsam. Bei mir hat der Junge schon in meiner Kindheit das Gefühl von großer Ferne erzeugt, fast von Einsamkeit. Er entstammte für mich schon immer einer vergangenen Welt, in der alles merkwürdig überschaubar war und überdeutlich hervortrat, die 1960er Jahre in der DDR eben, die sich auch malerisch in seinem altmeisterlichen Gesichtszügen zu manifestieren scheinen und mit meiner gefühlten wie erlebten Welt schon Anfang der achtziger Jahre nichts mehr gemein zu haben schien.
Ich empfinde den Jungen als Versatzstück einer sozialistischen Madonnendarstellung, als etwas Religiöses, das für mich mit dem Sozialismus bzw. Kommunismus als „Staatsreligion“ korrespondiert. Dabei kann ich gar nicht genau sagen, woran es liegt, aber ich bin mir sicher, dass das Gemälde auf diese Weise funktioniert. Und damit wollte und will ich Hakenbeck nicht verletzen. Selbst bei Sitte habe ich die Konfrontation nicht ins Persönliche gezogen.
Kannst Du Dir vorstellen, nicht-deutsche Geschichte aufzugreifen und zu bearbeiten?
Wenn es um Details der englischen, italienischen oder französischen Geschichte geht, sicher, habe ich ja auch schon gemacht.
Händel und Hendrix zum Beispiel…
Oder auch Lady Hamilton. Aber obwohl die Genannten nicht in Deutschland, sondern anderen europäischen Königreichen lebten, waren sie bis hierher nach Deutschland, oft nach Preußen, vernetzt. Schinkel hat die Attitüden von Lady Hamilton nach Zeichnungen in den Preußischen Schlössern verwendet. Insofern schließen sich auch hier Kreise. Und das ist ja das Europa der Regionen, von denen heute immer wieder die Rede ist, das es aber schon immer gab. Wenn man die fünfbändige Ausgabe von „Casanova“ liest, was ja ein großartiges kulturgeschichtliches Werk ist, dann sieht man das. Er war immer zwischen Lissabon und Petersburg auf Jobsuche und ist überall mit anderen gekreuzt, die ebenfalls zwischen Lissabon und St. Petersburg nach Anstellungen an den Höfen und natürlich nach Reichtum suchten. Das war nur eine vergleichsweise Schicht, aber diese hat europäisch gedacht, sie haben den Tratsch von Hof in Neapel oder London ausgetauscht und sie waren Netzwerker. Von diesem europäischen Denken sind wir heute sehr viel weiter entfernt als es damals zumindest eine Elite war. Es wurde auch europäisch geheiratet – nur deshalb ist an allen europäischen Höfen auch Wettinisches Blut... Wenn ich dem nachgehe, habe ich noch viel zu tun.
Dieser Katalog ist anlässlich der Ausstellung erschienen:
Moritz Götze – Lorbeeren für Schadow
im Kunst-Raum des Deutschen Bundestages im
Schadow-Haus, Berlin vom 12. Juni 2018 bis 28. April 2019.
Kuratoren der Ausstellung:
Dr. Andreas Kaernbach, Leiter der Kunstsammlung des Deutschen Bundestages, und Kristina Volke, stellvertretende Leiterin