Zur Eröffnung der Ausstellung „Ahrenshoop“ in der Alten Schule

Liebe Kunsthungrige –

denn – dies vorweg – Kunst und Kultur sind nicht der süße Nachtisch für den gefüllten Magen, nicht das Betthupferl, auf das man in Notzeiten verzichten kann, die Politiker als erstes streichen, wenn die Mittel knapp werden, und an die sie zuletzt denken, wenn sie mit milliardenschweren Fonds die Wirtschaft zu retten versuchen.

Dabei braucht es in der Krise nichts dringlicher als Phantasie – eben jenen Nährstoff des Geistes, den zu erschaffen das ureigenste Vermögen von Kunst und Kultur ist!
Kunst ist Lebensmittel, kein Luxus, sondern existentielle Notwendigkeit. Echte Kunst zerschmilzt daher nicht wie ein Praliné auf dem Gaumen, man schleckt sie nicht weg wie ein Eis mit Schlagsahne. Je nahrhafter das Kunstwerk, desto kräftiger muß man zubeißen, man muß kauen daran, um die Energie aufzuschließen, die das Werk uns zu geben vermag.

Keine Angst, ich will Ihnen nicht den Genuß verderben. Und außerdem hör ich Sie denken: Götze und schwere Kunst – das ist ja ein Widerspruch in sich. Kein anderer deutscher Maler der Gegenwart hat in den vergangen drei Jahrzehnten seit der Wiedervereinigung solch einen Reigen farbenfroh lebensbejahender Bilder geschaffen wie Moritz, der 1964 in Halle zur Welt kam. Insofern könnte man versucht sein, ihn den Maler der deutschen Einheit zu nennen, dessen Bilder in Ost und West gleichermaßen gesammelt, mit Freude betrachtet, ja gefeiert werden.

Von Anfang an erzählen diese Bilder Geschichten, zunächst noch comicartig, mit ungelenken, gleichsam anarchischen Figuren, die auf merkwürdige Weise den Raum füllten, ihn sprengten. Das Rätselhafte durchzieht seine Bilderwelt bis heute, doch nicht gedankenschwer bedrückend, nie düster-bedrohlich, weder an- noch wehklagend, wie so oft in einer spezifisch deutschen Tradition der Malerei und Grafik von Grünewald bis Dix, die freilich von der Last, der Zerrissenheit und den Schrecken deutscher Geschichte seit den Bauernkriegen kündet.

Moritz Götze ist nicht blind für diese Verwerfungen und Abgründe der Geschichte. Mehr noch: zwar hat er eine Lehre als Möbeltischler absolviert, um Restaurator zu werden, doch war sein eigentlicher Berufswunsch, ein eigenes Museum zu leiten, Geschichte als das sichtbar zu machen, woher wir kommen, jene organische Substanz, jenes Gewebe, das in uns weiterwirkt – im Guten wie im Schlechten. Nur weigert sich etwas in ihm, sich auf die Momente des Schreckens zu konzentrieren, um nicht im Starren auf das Schreckliche selbst zu erstarren. Mit Nietzsche gesprochen: Wer lange in den Abgrund sieht, in den sieht der Abgrund hinein ...

Wie Perseus sich der Medusa, deren Augen einen jeden versteinern ließen, im Spiegel seines Schildes näherte, um ihr das Haupt abzuschlagen, so eignet sich der Maler die Geschichte im Spiegel der Kunst an. Anfang der 2000-er Jahre begann er, Ikonen der DDR-Malerei von Siitte, Neubert und Womacka mit seinen Stilmitteln zu adaptieren. Eine Art Geister- beschwörung: Geist und Ungeist ostdeutscher Geschichte wurden so verlebendigt, um von ihnen Abschied zu nehmen, sich mit heiterer Gelassenheit, souverän, vom Alp der toten Geschlechter zu befreien, der auf den Lebenden lastet, in ihrem Unterbewußtsein fortwirkt, sich von Irrwegen, Leiden und Verbrechen zu lösen.

2003 dekonstruierte Moritz Götze den „Bildersaal deutscher Geschichte“, indem er sich die Bilder des gleichnamigen Buches von 1890 aneignete: Ikonen einer ideal gedachten Nationalgeschichte der Deutschen von den Germanen bis zum Kaiserreich, die sich als pathosverklärte Wunschbilder des Willens zur Macht zu erkennen gaben.

In den Folgejahren gerieten die Leitgestalten Preußens in sein Visier, mithin der Klassizismus eines Schadow, die Aneignung der Antike, des Traums vom Guten, Wahren und Schönen als Kleid und Verkleidung des klassischen Bürgertums, dessen Erben wir heute noch sind.

So nötigt uns der Maler zur Auseinandersetzung mit den Bildern, die wir selber im Kopf tragen, die Voraussetzungen unserer Weltsicht sind.
Durch diese Arbeit an den Bildern aber hat sich auch seine eigene Bildsprache verändert: das anarchisch Ungelenke, das wild Rohe der Anfangsjahre ist einer geschmeidigen Linienfüh- rung von anmutiger Sicherheit gewichen. Aus dem Punksänger der Band „Größenwahn“ vom Ende der 80-er Jahre ist ein Souverän geworden, ein Nachfahre des Hofmalers Johann Gott- fried Schadow. Sein König ist der Kunstmarkt, dessen Hof die Galerien, die Höflinge sind wir, die Besucher der Ausstellungen, die Sammler seiner Bilder. Wie jeder gute Hofmaler nicht einfach nur die Wünsche des Hofes bedient, so hält uns auch Moritz Götze den Spiegel vor, in dem er unsere Sehnsucht nach dem Schönen befriedigt und zugleich in Frage stellt.

Und dies gilt einmal mehr für die hier und heute zu eröffnende Ausstellung. Sie trägt den Namen „Ahrenshoop“ und zeigt Bilder, die dem Ort doppelt verbunden sind. Zum einen könnte man ihn fast die heimliche Residenz des Hofmalers Götze nennen. Immerhin verbrachte er hier in den sechziger und siebziger Jahren die Sommer seiner Kindheit. Eine Ausstellung im Kunstkaten 2013 war der Künstlerfamilie Götze gewidmet und ließ die produktiven Impulse ahnen, die sie alle aus diesem Landstreifen zwischen Ostsee und Bodden zogen: Vater Wasja, der neben Ticha die Popart in die DDR einschleußte, Mutter Inge, die Malerin und Teppichkünstlerin, die mit dem Keramiker Klünder studiert hatte, Moritz und seine Frau Gitta, Gestalterin traumhaft schöner Fayencen.

Fünf Jahre lang stand am Bakelberg eine Skulptur von Moritz Götze: eine überlebensgroße Figur, die an Paul Müller-Kämpff erinnerte, jenen Maler, der aus dem Fischerdorf Ahrenshoop vor 125 Jahren eine Künstlerkolonie machte. Mancher Wanderer wird diese doppelte Wegmarke schon vermißt haben: einen Wegweiser ins heutige Ahrenshoop wie in seine Geschichte zugleich.

Ein solches Ineinander von Geschichte und Gegenwart kennzeichnet auch die Ausstellung. Deren Plakat zeigt einen „Blick zum Bakelberg“, auf dem die Kämpff-Skulptur noch als Fluchtpunkt Ufer, Meer und Himmel zusammenhält. Was man nicht sieht, doch der Titel verrät: es ist eine Adaption, eine Übersetzung eines Bildes von Hans Brass. Ursprünglich plante die Alte Schule gemeinsam mit Moritz Götze die Transformierung von Ikonen der Ahrenshooper Malerkolonie ins Heutige. Die Zeit hat dafür nicht genügt und ich fürchte: Ikonen im Sinne von allgemein bekannten, für viele Betrachter wiedererkennbaren Bildern wird es aus dem Ahrenshooper Bildersaal weniger geben, aber lassen wir uns künftig überraschen.

Die Gemälde der Ausstellung zeigen uns durchaus wiedererkennbare Strandmotive – doch mit Gestalten, die man „altmeisterlich“ nennen möchte, obgleich sie „modern“ gemalt sind: Umrißlinien wohlgeformter Männer, Frauen und Kinder in klassischen Posen; Strand, Himmel, Meer und die Leiber jedoch ganz und gar unplastisch, als monochrome Farbflächen gestaltet, die gleichsam auf dem Weiß der Leinwand schwimmen, das im Kontrast zu den schwarzen Rändern das Auge bewegt, obwohl die gesamte Komposition starr erscheint.

Wohl am eindrucksvollsten erschließt sich dieser Effekt an der Stirnwand zwischen dem zweiten und dritten Raum. Setzen Sie sich auf die Ledercouch gegenüber und betrachten sie in Ruhe den „Schönen jungen Mann“, der sich adonishaft, frei nach Michelangelo, auf einem Badehandtuch räkelt, in seiner klassischen Haltung und traumhaft entspannt gleich doppelt entrückt, zugleich aber durch die umliegenden Utensilien vom Buch über eine Zeitung, Turnschuhe und Jeans bis zur hervorlugenden Corona-Maske ins Hier und Heute gebettet.

Das ist die Kunst des Moritz Götze, Gegensätze zu vereinen: einst und heute, Nähe und Distanz, Sinnlichkeit und Abstraktion, Traum und Realität, Kunst und Leben – und das alles im Medium einer Kunst, die modern und zeitlos zugleich ist.
Das meint mehr als nur Pop, auch wenn der Jüngling „popig“ verspielt rechts und links von zwei der Mädchenfiguren flankiert wird, die der Maler seit Jahren in Emaille fertigt. Auch hier wieder die Einheit des Gegensätzlichen: das schwere Material erscheint durch die darauf gebrannnte Farbe leicht, fast schwebend. Und die Leichtigkeit der anmutig schönen Mädchen wird wiederum gebrochen durch die Gestalten auf ihren Kleidern, in denen sich ihre heimlich unheimlichen Sehnsüchte, Wünsche und Vorlieben abzeichnen, in die sie sich kleiden.

Das erinnert natürlich an Andy Warhol, der die Welt der Reklame in Kunst transformiert hat. Emaille steht für Werbeschilder. Und Götze überbietet Warhol noch, indem er die berühmte Serie der Suppendosen mit seiner „German“ und „Austrian Soup“ zitiert: Dosen aus Emaille, auf die er die Gesichter deutscher und österreichischer Geister von Nietzsche bis Thomas Bernhard bannt.

Das alles hat Witz, Frische und im deutschen Kunstraum seltenen Esprit. Betrachtet man jedoch all die Bilder auf den Gemälden, die Emaillearbeiten, Zeichnungen auf den Rostocker Bilderbogen, großformatige Radierungen und Siebdrucke genau, so zeigt sich, daß sie nicht nur bunt und „lustig“ sind, was man fälschlich unter Pop versteht, sondern zugleich tief melancholisch:
Die kräftigen schwarzen Umrißlinien, mit denen Götze seine Figuren umgibt, sind auch Trauerrändern. Sie heben den einzelnen aus dem Ganzen heraus und vereinzeln ihn zugleich. Sie verkörpern das Prinzip der Individuation, der Selbstbehauptung, das Nietzsche das Apollinische nannte im Gegensatz zum Dionysischen, zur Wiedergeburt des Lebendigen aus der rauschhaften Auflösung des einzelnen.

In den Bildern des Moritz Götze schweben die vereinzelten Einzelnen wie schwerelose Atome durch das Universum ihrer beziehungslosen Beziehungen, ein jeder verloren in seiner eigenen Welt. Wie in Gegenwart und Zukunft unserer digital reproduzierten Zeit, in der die Logarithmen des Internets für jeden einen maßgeschneiderten Kosmos, eine Lebensblase nach seinen Wünschen und Interessen kreiert. Laptops und Smartphones, die Wahrnehmungs- prothesen des vermeintlich freien Individuums, dominieren seine Bilder. Götze schockgefriert die „schöne neue Welt“, in der wir leben, den Stillstand unserer Raserei. Und vielleicht trifft er etwas von dem, was Rilke uns sagen wolllte mit dem rätselhaften Vers, die Schönheit sei „nichts als des Schrecklichen Anfang“.
Ich liebe diese Bilder um ihrer Melancholie wegen und ihren Schöpfer für die Unentwegtheit, für die Heiterkeit und Souveränität, mit der er uns dennoch beschenkt. Die jüngste dieser Arbeiten könnte seine kühnste werden: mit Rüdiger Giebler und anderern Freunden will er die Kirche von Pobles bei Weißenfels retten. Eine Ruine, die seit 30 Jahren zerfällt und in der einst Nietzsches Großvater gewirkt hat. Doch das ist Zukunftsmusik ...

Genießen Sie die Ausstellung, lassen Sie sich von den Bildern bewegen und nehmen Sie die Ihnen liebsten mit nach Hause – es sind Kraftquellen für den Alltag, unentbehrliche Lebensmittel.

~Jens-Fietje Dwars

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Luther, Friedrich der Große und Peter im Tierpark.

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Ein Bild wird geliefert, Helena weicht den Luftgeistern und ein Sarg wird geholt