Luther, Friedrich der Große und Peter im Tierpark.

Moritz Götze über seinen Zugang zur Vergangenheit — Kristina Volke

Moritz Götze ist ein geschichtsversessener Maler, ein Künstler, dessen überbordende, grenzenlos scheinende Fantasie offensichtlich einem inneren Spannungsverhältnis entspringt, das sich zwischen neugieriger Faszination an großen Persönlichkeiten und weltbewegenden Ereignissen auf der einen Seite und einer instinktsicheren Respektlosigkeit gegenüber der kanonisierten Geschichtsschreibung auf der anderen aufbaut.

Sein Zugang zum Preußenkönig Friedrich dem Großen, zur Selbstversenkung der Kaiserlichen Hochseeflotte in Scapa Flow, zu Lady Hamilton, zu Luthers Tintenfasswurf oder zu einem Historiengemälde Anton von Werners scheint dabei von einer unbändigen Lust geprägt, die zu ihnen gehörenden historischen Überlieferungen mit Bildern und Ansichten zu füllen, die das Geschehen von damals mit all den ihnen zugrundeliegenden Entscheidungen, Verwicklungen, Irrungen und Zufällen mit den Augen von heute in Szene setzen. Je nach Perspektive und Vorwissen des Betrachters fügt er so den allzu bekannten Überlieferungen neue, unerwartet moderne Bildwelten hinzu oder aber holt er die vergessenen, nur noch schemenhaft erinnerten Großereignisse und prägenden Persönlichkeiten überhaupt wieder ins heutige Bewusstsein. Sein Vorgehen lässt sich als spielerischer Ernst beschreiben: Götze ist ernst und geradezu gewissenhaft im Studium der historischen Quellen, aus denen er dann spielerisch und mit großer Leichtigkeit neue Bilder entwickelt. Er gilt als deutscher Pop-Art-Künstler, zumal als einer ihrer bedeutendsten Vertreter, dessen Werke durch die Reduktion auf einfache Formen und starke, leuchtende Farben wie die amerikanischen Vorbilder an heutige Sehgewohnheiten anknüpfen. Auf diese Weise erschafft Götze die Illusion einer Kontinuität zwischen Vergangenheit und Gegenwart, in der die Grenzen zwischen den Zeiten verwischen und manchmal so etwas wie eine Ahnung eines Bedeutungsraums entsteht, in dem Menschheitsgeschichte nicht intellektueller Lernstoff, sondern bedeutungsvolle Erfahrung wird. Die üppige Gegenwärtigkeit, die jeder gespürt haben muss, der seine Ausstellungen besuchte, ist wohl einer der Gründe für Götzes anhaltenden Erfolg weit über die Grenzen Deutschlands hinaus.

Im Wissen um Götzes einzigartigen künstlerischen Zugang zur Geschichte beauftragte der Kunstbeirat des Deutschen Bundestages ihn zunächst mit vier Emaille-Tableaus zur Geschichte des Deutschen Parlamentarismus. In ihnen verwebt er Ereignisse und Personen aus vier Epochen zu einem Bilderbogen, in denen die Einzelmotive wie in überdimensionierten Glanzbildern durch Stege miteinander verbunden sind. (Abb. Mit Legende) Wenig später erhielt Götze die Einladung, sich im Ausstellungsraum des Schadow-Hauses mit den Werken Johann Gottfried Schadows auseinanderzusetzen. Im Mittelpunkt sollte das Brandenburger Tor stehen, das im Jahr 2018 ein Jubiläum feierte. Nichts schien Götze näher zu liegen als die Beschäftigung mit Schadow. Einmal darauf angesprochen, arbeitete er sich durch Schriften von und über den einstigen Hofbildhauer des preußischen Königs, begann mit Zeichnungen und ersten Tableaus, die sich dem Leben Schadows selbst widmeten. Bald aber stand das Brandenburger Tor im Mittelpunkt: Er entwickelte Ideen zur vierspännigen Victoria auf dem Dach des Tores, faszinierte sich aber bald am vergleichsweise unbeachteten Fries, der unterhalb der Metopen ein ebenso wichtiges Bildprogramm darstellt wie die weithin sichtbare Siegesgöttin.
Die Ergebnisse dieser künstlerischen Erkundung wurden von Juni 2018 bis April 2019 gezeigt. Während der Laufzeit der Ausstellung arbeitete Götze weiter, diesmal vor allem an den Metopen: einem Motivkreis, in dem Schadow direkt unter der Attika den Kampf zwischen Menschen und Kentauren, dem Sinnbild zwischen Gut und Böse also, gewidmet hatte. Götze setzte den riesigen Steinreliefs farbkräftige, bunt strahlende Emaille-Bilder entgegen, in denen Schadows graue Kolosse zu neuem Leben erwachen. Damit schloss er seine Beschäftigung mit Schadow ab, jedenfalls fürs Erste. Der vorliegende Katalog dokumentiert Werkzyklus und Ausstellung und damit einen fiktiven Dialog zwischen zwei Künstlern, die durch mehr als zwei Jahrhunderte voneinander getrennt sind. Während der Arbeit an der Ausstellung formulierte Götze immer wieder seine eigene Verblüffung über Ähnlichkeiten, die er an sich selbst zu Schadow feststellte: im Zugang zur Geschichte als lebendiger Vergangenheit, im Bestreben, mit hergebrachten Sehgewohnheiten zu brechen, in der Sehnsucht, damit viele Menschen zu erreichen, in der Lust am Arbeiten, und schließlich auch im Geburtsdatum.

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Götze, Deutsch-Pop? Wer ist diese Moritz?

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Zur Eröffnung der Ausstellung „Ahrenshoop“ in der Alten Schule